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25. September 2015

Koalition setzt sich für Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung ein

Koalition setzt sich für Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung ein
Lange Zeit galt eine hohe Abitur- und Studierendenquote als Indikator für eine fortschrittliche Bildungspolitik. In Zeiten von Fachkräftemangel durch den demografischen Wandel richtet sich der Fokus aber zunehmend auch wieder auf die nichtakademische Ausbildung. Dabei werden besonders junge Menschen interessant, die den akademischen Bildungsweg wieder verlassen haben, aber auch Migranten oder Menschen mit Handicap ...  
 

 

Mit ihrem Antrag „Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung sichern - Engpässen bei nichtakademischen Ausbildungsplätzen vorbeugen“ (Drs. 6/4475) haben die Koalitionsfraktionen die Landesregierung heute aufgefordert, die Industrie- und Handelskammern und die Handwerkskammern zur verstärkten Ansprache von Studienabbrecherinnen und -abbrechern, jungen Menschen mit Behinderungen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund bei der Besetzung offener Ausbildungsstellen zu ermutigen. Gleichzeitig soll die Berufs- und Studienorientierung im Sekundarbereich II gemäß „Landeskonzept für den Übergang von der Schule in den Beruf“ intensiviert werden. Die Wirtschafts- und Sozialpartner sollen insbesondere darum gebeten werden, ihr Engagement in der frühzeitigen Berufs- und Arbeitsweltorientierung der Schülerinnen und Schüler zu intensivieren, sowie die Gleichwertigkeit der beruflichen Bildung und der akademischen Bildung bei der Personalentwicklung und -rekrutierung in den Unternehmen zu berücksichtigen.

Hintergrund: In den letzten Jahren ist es in ganz Deutschland zu einem deutlichen Anstieg der Zahl junger Menschen mit einer Hochschulzugangsberechtigung sowie jener gekommen, die ein Studium aufnehmen. Nicht alle Studienanfängerinnen und -anfänger schließen ihr Studium jedoch erfolgreich ab. Die laufende Diskussion über eine mögliche „Überakademisierung“ überlagert die gegenwärtigen bildungspolitischen Herausforderungen. Zugleich beklagen immer mehr Unternehmen und Handwerksbetriebe einen Mangel an jungen, nicht akademisch gebildeten Fachkräften. Dies betrifft aufgrund des demographischen Wandels die ostdeutschen Länder in besonderer Weise.

Wolfgang Waldmüller (CDU) verwies bei seiner Einbringung auf die verbriefte Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Ausbildung und forderte deren zumindest gleichberechtigte Berücksichtigung bei der Berufsfrühorientierung. Vor zehn Jahren hätten in Deutschland noch fast doppelt so viele Azubis wie Studenten ihre jeweilige Ausbildung begonnen. Mittlerweile hätten Azubis deutlich gegenüber Studienanfängern eingebüßt. Der prozentuale Rückgang der Anzahl an Auszubildenden in den letzten 10 Jahren betrage bei uns im Land 57 Prozent! Schreibe man diese Entwicklung fort, begännen bald deutlich mehr Menschen ein Studium, als eine Ausbildung. Wer eine Ausbildung beginne, sei kein Bildungsabsteiger. Im Gegenteil: die duale Ausbildung biete Karriereperspektiven. Das muss sich aber auch stärker in der Berufsfrühorientierung widerspiegeln.

Wirtschaftsminister Harry Glawe ergänzte, dass die Wirtschaft in Sachen Ausbildung auch neue Zielgruppen ansprechen und fördern müsse: etwa Migranten oder Flüchtlinge mit Bleiberecht. Entscheidend für junge Menschen bei der Unternehmenswahl seien der Umgang mit den Mitarbeitern, Angebote für junge Leute, das Betriebsklima und natürlich erkennbare Karrierechancen. Glawe verwies auf das Bekenntnis der Wirtschaftsministerkonferenz 2014 zur Gleichwertigkeit der beruflichen und akademischen Ausbildung.

Simone Oldenburg (LINKE) verfiel in das übliche Argumentationsmuster, das bereits die LINKE einen ähnlichen Antrag gestellt habe, der damals nicht ausreichend gewürdigt worden sei. Der Antrag bitte im Übrigen nur die Wirtschaft, fordere aber nicht die Regierung. Damit sei der Antrag eigentlich zahnlos. Im weiteren Verlauf Ihrer Rede kehrte Oldenburg zu ihrem Lehrerberuf zurück. Die Übernahme einiger Antragpassagen aus einem Bundestagsantrag bezeichnete sie als „Täuschung im Sinne des Schulgesetzes“, weswegen die Leistung als nicht erbracht gelten müsste. Die folgenden Passagen drehten sich im Wesentlichen um Begrifflichkeiten wie Niveaustufen, Vergleichbarkeit bzw. Gleichwertigkeit von unterschiedlichen Ausbildungsarten. Der Fachkräftemangel werde mit diesem Antrag jedenfalls nicht beseitigt, konstatierte Oldenburg „weise“.

Bildungsminister Mathias Brodkorb bezeichnete die Debatte um Begrifflichkeiten als irrelevant. Die europäischen Vorgaben bzgl. der Gleichwertigkeit von beruflichen mit akademischen Abschlüssen seien zum Teil Kopfgeburten, die mit der Realität nichts zu tun hätten. So sei ein Klempner in seiner realen Bedeutung für die Gesellschaft natürlich nicht weniger wert als ein Literaturwissenschaftler, und obwohl es praktisch möglich wäre, würde niemand auf die Idee kommen, eine Gurke mit einem Flugzeug zu vergleichen. Semantische Debatten würden den Fachkräftemangel deshalb auch nicht beseitigen helfen.

Ulrike Berger (GRÜNE) unterstellte dem Antrag falsche Prämissen, wenn er schlussfolgere, dass die Akademisierung für den Rückgang der AZUBI-Zahlen verantwortlich sei. Auch sie kritisierte, dass der Antrag teilweise von einem Bundestagsantrag abgeschrieben worden sei, ohne ihn auf Landesebene herunter zu brechen. Im Übrigen müsse man untersuchen, wo Ausbildungen am häufigsten abgebrochen werden – nur 10 % im öffentlichen Dienst – dafür um die 50 % in Handel, Industrie und Handwerk. In einem Änderungsantrag würden die GRÜNEN die Abbrecherberatung gern auch mit Sachkosten ausstatten.

Jochen Schulte (SPD) fasste die Debatte mit den Worten zusammen: Bildungspolitik trifft Wirtschaftspolitik! Für die Wirtschaft seien viele der genannten Begrifflichkeiten gar nicht wichtig. Die Unterschiede zwischen Bewerbern seien viel häufiger persönlicher Natur. Ob man ein guter Akademiker oder eher einer Handwerker sei, wäre eher eine Frage der Liebe zum gewählten Beruf. Die öffentliche Debatte könne aber bewirken, dass Jugendlichen, die sich für einen nichtakademischen Bildungsweg entscheiden, der Rücken gestärkt werde. Ziel müsse es sein, dass niemand sich rechtfertigen müsse, nicht studiert zu haben.

Anfangsredner Wolfgang Waldmüller warf der LINKEN am Schluss der Debatte vor, selbst die Meister der Mehrfachverwertung von Anträgen aus anderen Landtagen zu sein. Der Antrag greife explizit Gesprächsangebote verschiedener Seiten auf und das Land werde geeignete Initiativen auf Bundes- und Landesebene natürlich im Rahmen der Möglichkeiten unterstützen.

Der Änderungsantrag der GRÜNEN wurde abgelehnt. Der Koalitionsantrag erhielt die Stimmen der Koalition, die GRÜNEN enthielten sich, die LINKE stimmte dagegen.

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